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Interview mit Wynnie Kangwana Mbindyo

Interview mit Wynnie Kangwana Mbindyo

Die Frage der Rose – Faire Schnittblumen & Geschlechtergerechtigkeit
Digitaler Vortrag und Interview anlässlich des Valentinstages im Februar

Auch im Jahr 2023 lohnt es sich zu fragen:
Woher stammen eigentlich die Blumen, die viele Menschen am Valentinstag an ihre Liebsten verschenken? Aus der Region? Von holländischen Blumenfarmen? Oder doch importiert aus Kenia oder Ecuador?

Tatsächlich stammen über die Hälfte der jährlich nach Deutschland importierten Blumen – gut 525 Millionen Stiele – aus Kenia. In Kassel richtete man am 8. Februar den Blick auf die Arbeitsbedingungen auf Rosenfarmen in Ländern des Globalen Südens, soziale und ökologische Standards sowie den Beitrag, den der Faire Handel zur Geschlechtergerechtigkeit vor Ort leisten kann. Im Rahmen eines digitalen Vortrages berichtete die aus Kenia stammende externe Fairtrade Referentin Wynnie Kangwana Mbindyo aus erster Hand von zahlreichen Bildungsreisen zu Rosenfarmen in Ecuador und Kenia. Organisiert wurde der Vortrag von der Eine Welt Regionalpromotorin Nordhessen, Nadine Zollet, sowie dem Koordinator der Kampagne „Fairtrade-Town Kassel“, Florian Broschart.

Wynnie Kangwana Mbindyo stellte sich im Nachgang noch einem spannenden Interview mit Britta Erlemann, engagiert beim Karibu Welt- und Regionalladen in Kassel. Dieses ist nachfolgend zu lesen:

  • Frau Kangwana Mbindyo, verraten Sie uns, was versteckt sich genau hinter dem Veranstaltungstitel?

Der Veranstaltungstitel soll die Herausforderungen und Möglichkeiten zeigen, unter denen faire und nachhaltige Schnittblumen produziert und verkauft werden können und wie dies mit Geschlechtergerechtigkeit in der Branche verbunden ist.

Es geht darum, Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts zu beseitigen und die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Bezug auf Rechte, Möglichkeiten, Verantwortungen und Chancen sicherzustellen. Dazu gehören beispielsweise die Förderung von Frauen in Führungspositionen, die Beseitigung von Lohnungleichheit und die Verbesserung von Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Geschlechter.

  • Wie sehen die Arbeitsbedingungen für die Arbeitenden im Blumenanbau aus?

Der Blumen- und Pflanzenanbau spielt in Ländern des globalen Südens, z.B. Kenia, Äthiopien, Afrika, Ecuador und Kolumbien eine große Rolle. Er bietet tausenden von Arbeitskräften einen Arbeitsplatz und stärkt die wirtschaftliche Stabilität der Länder. Leider sind die Arbeitsbedingungen auf den konventionellen Blumen- und Pflanzenfarmen häufig von niedrigen Löhnen, schlechten Arbeitsbedingungen und einem hohen Einsatz von zum Teil hochgiftigen Pflanzenschutzmitteln bestimmt.

Auf Fairtrade-Farmen wird die Position der Beschäftigten gestärkt. Die Vorgaben aus den Fairtrade-Standards sorgen für vertraglich geregelte Arbeitsbedingungen, besseren Arbeits- und Gesundheitsschutz, Versammlungsfreiheit und mehr Klima- und Umweltschutz.

Oft kennen die Beschäftigten auf konventionellen Blumen- und Pflanzenfarmen ihre Rechte als Arbeitnehmer:innen nicht. Das führt zu ungeregelten Arbeitsverhältnissen mit niedrigen Löhnen, unbezahlten Überstunden, langen Arbeitszeiten und unzureichenden Sicherheitsstandards auf vielen Farmen. Arbeitsverträge sind längst keine Regel. Das alles hat zur Folge, dass es unter den Beschäftigten konventioneller Blumenfarmen eine hohe Fluktuation gibt.

  •  Welche Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich in Bezug auf die Arbeitsbedingungen feststellen?

Frauen machen ungefähr die Hälfte der Beschäftigten auf Blumen- und Pflanzenfarmen aus. Sie sind als Pflückerinnen oder in den Verpackungshallen tätig. Viele sind alleinerziehend und haben häufiger einen niedrigeren Bildungsstand. „Frauenarbeitsplätze“ sind oft schlechter bezahlt. Zudem sind weibliche Arbeitnehmerinnen häufig von Diskriminierung und sexueller Belästigung betroffen, eine extreme zusätzliche Belastung, insbesondere, weil es selten eine Beschwerdestelle gibt, wo sie Gehör finden.

Auf Fairtrade-zertifizierten Rosenfarmen haben Frauen Rechte wie Regelungen zum Mutterschutz, gegen Diskriminierung und sexuelle Ausbeutung. Es gibt Gender-Komitees, die diese Themen öffentlich machen und betroffene Frauen unterstützen.

  • Wer profitiert von den so gehandelten Blumen?

Seit den späten 70er Jahren des vergangenen Jahrtausends hat sich in Ländern des globalen Südens, die besonders für den Blumenanbau geeignet sind, eine florierende Blumenindustrie entwickelt. Es sind vorwiegend Privatunternehmen, häufig aus Europa oder USA, die die Produktion aufgebaut haben. Dementsprechend profitieren in erster Linie die Eigentümer und Aktionäre von den Erträgen aus dem Verkauf der Blumen und Pflanzen.

  • Was können wir hier in Deutschland tun, um den Fairen Handel in der Blumenindustrie zu stärken?

 Wir können bei Aktionen zum Weltfrauentag oder Muttertag auf die schlechten Bedingungen auf den konventionellen Blumenfarmen hinweisen. Und natürlich haben wir als Verbaucher:innen die Wahl, fair gehandelte Blumen einzukaufen. Diese gibt es sowohl im Supermarkt als auch in vielen Blumengeschäften. Darüber hinaus gibt es auch Weihnachtssterne und Geranien, die fair gehandelt sind und im Einzelhandel als Saisonware angeboten werden. Erkenntlich sind sie durch das Fairtrade-Siegel.

  • Unter welchen Bedingungen werden faire Blumen angebaut?

Blumen und Pflanzen werden ausschließlich auf großen Blumenfarmen produziert, die nach dem „Fairtrade Standard for Hired Labour“ für Plantagen zertifiziert sind. Der Standard beinhaltet Vorgaben zur ökologischen, sozialen und ökonomischen Entwicklung des Unternehmens und hat die bessere Teilhabe der Arbeitnehmer*innen zum Ziel. Die Einhaltung der Kriterien wird von der unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft FLOCert überprüft.

Ganz konkret: Der Handel zahlt für Fairtrade-Rosen zusätzlich zum Einkaufspreis eine sogenannte Fairtrade-Prämie, die zu 100 % den Mitarbeitenden zugutekommt und von ihnen verwaltet wird.

Von diesen Geldern werden Projekte finanziert wie z.B. der Aufbau einer Krankenstation, Darlehen für den Bau einer Wohnung oder die Unterstützung einer örtlichen Schule. Über die Verwendung der Mittel erfolgt eine demokratische Abstimmung innerhalb der Belegschaft.

  • Wie können insbesondere Frauen vom Fairen Handel in der Blumenindustrie profitieren?

Frauen, die in der Blumenindustrie arbeiten, profitieren von fair gehandelten Blumen, da ihr Arbeitgeber ihnen bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und mehr Rechte bieten muss als ein konventionell arbeitendes Unternehmen.

Durch die Förderung von Fraueninitiativen (Gender Komitees) und die Teilnahme an Trainings, die die Geschlechtergerechtigkeit fördern, können Frauen in der Branche gestärkt werden. Das kann Frauen dabei unterstützen, finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen und ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Fairtrade-Standards fördern Frauenrechte allgemein und unterstützen die Besetzung von Frauen in Führungspositionen. Dies kann dazu beitragen, die Benachteiligung von Frauen in der Branche zu reduzieren und ihre Teilhabe zu fördern.

  • Warum engagieren Sie sich selbst für fair gehandelte Blumen?

Kenia ist mein Heimatland und zugleich der wichtigste Rosenlieferant für Deutschland. Durch viele Bildungsreisen zu Blumenfarmen in Kenia, die ich selbst mit Interessierten, nicht nur aus Saarbrücken, sondern auch bundesweit, organisiert habe, kenne ich die Verhältnisse vor Ort, insbesondere die Blumenfarmen am Lake Naivasha. Wir besuchen auch Fairtrade-Blumenfarmen. Ich habe mit Vertreter:innen aus Management und Vertreter:innen von Gender- und Prämienkomitees gesprochen und bin  davon überzeugt, dass Beschäftigte auf Fairtrade-Farmen und ihre Familien sehr von Fairtrade profitieren und wirklich große Vorteile haben. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass in Deutschland fair gehandelte Rosen gekauft werden.

Wynnie Kangwana Mbindyo ist Fair Trade-Referentin aus Saarbrücken und arbeitet im Auftrag von Fairtrade Deutschland e.V. und der Fairtrade Initiative Saarland (FIS). Sie wurde in Kenia geboren und absolvierte ihr Studium in Saarbrücken.

Kontakt: kangwana2@hotmail.com

Bildquelle: Wynnie Kangwana Mbindyo